Mit der Novelle „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ von Robert Louis Stevenson, einem schottischen Schriftsteller des viktorianischen Zeitalters, setzt J. T. (AlexOffice) seine Reihe »Literary ClassiX« über Klassiker der Weltliteratur fort. Lest hier Folge 2.

Titelbild: Fredric March im Film „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ | USA 1931 | © 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke | Filmfest 208 A


 

Literary ClassiX | 2 | Robert Louis Stevenson: „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“

Robert Louis Stevenson | Teil 2 der Reihe Literary ClassiX | eigene Grafik von J. T.

Robert Louis Stevenson | Teil 2 der Reihe Literary ClassiX | eigene Grafik von J. T. (AlexOffice)


 

Robert Louis Stevenson 1885 (Von Lloyd Osbourne | Project Gutenberg | Gemeinfrei)

Robert Louis Stevenson 1885 | Bild von Lloyd Osbourne | Project Gutenberg | Gemeinfrei | via Wikimedia Commons

„Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“

„Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde“ | Novelle | 1886 |
zentrales Motiv: die doppelte Persönlichkeit ein und derselben Person (dissoziative Identitätsstörung)

von Robert Louis Stevenson

* 13. November 1850  † 3. Dezember 1894

 

„Jeder Tag ist ein kleines Leben. Jedes Erwachen und Aufstehen eine kleine Geburt.“  (R. L. Stevenson)

 


 

Leseprobe: Kapitel 1 | „Die Geschichte der Tür“

„Mr. Utterson, der Anwalt, war ein Mann mit einem zerfurchten Gesicht, das nie von einem Lächeln erhellt wurde, kühl, wortkarg und verlegen im Gespräch, schwerfällig in seinen Gefühlen, hager, lang, antiquiert, langweilig und doch in gewisser Weise liebenswert. Bei freundschaftlichen Zusammenkünften und wenn der Wein nach seinem Geschmack war, blitzte etwas ausgesprochen Menschliches in seinen Augen auf – etwas, das zwar nie in seinen Worten zum Ausdruck kam, sich aber nicht nur in diesem stummen Mienenspiel nach dem Essen zeigte, sondern häufiger und vernehmlicher in seinem Lebenswandel. Er war streng gegen sich selbst, trank, wenn er allein war, Gin, um seine Vorliebe für erlesene Weine zu bekämpfen, und obwohl er das Theater liebte, hatte er seit zwanzig Jahren keines betreten. Anderen gegenüber zeigte er jedoch erwiesenermaßen Nachsicht, manchmal beinahe neidvoll über den Mut und die Energie staunend, mit der sie ihre Missetaten begingen, und in jeder Notlage eher bereit, ihnen zu helfen, als sie zu missbilligen. »Ich neige zu Kains Ketzerei«, pflegte er gelegentlich scherzhaft zu sagen: »Ich lasse meinen Bruder auf seine Weise zum Teufel gehen.« Bei einem solchen Charakter war es häufig sein Schicksal, der letzte ehrbare Bekannte und der letzte gute Einfluss im Leben von Menschen zu sein, mit denen es bergab ging. Und solange sie in seiner Kanzlei verkehrten, ließ er ihnen gegenüber nie den Schatten einer Veränderung in seinem Verhalten erkennen.

Zweifellos kostete dies Mr. Utterson keine große Überwindung, denn er war auch im günstigsten Fall zurückhaltend, und sogar seine Freundschaften schienen auf einer ähnlichen, allumfassenden Gutmütigkeit zu beruhen. Es ist das Kennzeichen eines bescheidenen Menschen, dass er das Entstehen seines Freundeskreises der Gelegenheit überlässt; und so hielt es auch der Anwalt. Seine Freunde waren entweder Blutsverwandte oder Menschen, die er sein Leben lang gekannt hatte; seine Zuneigung wuchs wie Efeu mit der Zeit, sie war von der Eignung ihres Gegenstandes nicht abhängig. So war zweifellos auch die Freundschaft zu erklären, die ihn mit Mr. Richard Enfield verband, einem entfernten Verwandten und stadtbekannten Lebemann. Es war für viele eine harte Nuss, herauszubekommen, was diese beiden aneinander finden oder welche gemeinsamen Interessen sie haben könnten. Jene, die ihnen auf ihren Sonntagsspaziergängen begegneten, berichteten, dass sie nicht sprächen, außerordentlich gelangweilt aussahen und mit sichtlicher Erleichterung das Auftauchen eines Freundes begrüßten. Trotz alledem legten die beiden Herren den größten Wert auf diese Spaziergänge, betrachteten sie als Krönung jeder Woche und verzichteten nicht nur auf gesellige Vergnügungen, sondern stellten sogar geschäftliche Verpflichtungen hintan, um sie ungestört genießen zu können.

Auf einem dieser Streifzüge geschah es, dass ihr Weg sie durch eine Nebenstraße in einem belebten Viertel Londons führte. Die Straße war schmal und man würde sie ruhig nennen, aber an den Wochentagen herrschte hier ein lebhaftes Treiben. Die Anwohner waren dem Anschein nach alle wohlhabend und hofften voller Ehrgeiz, noch vermögender zu werden; sie investierten den Überschuss ihrer Gewinne in die werbewirksame Ausschmückung ihrer Geschäfte, sodass die Schaufenster in dieser Durchgangsstraße etwas Einladendes hatten, wie eine Reihe lächelnder Verkäuferinnen. Sogar sonntags, wenn die Straße ihren reichen Charme verhüllte und vergleichsweise menschenleer dalag, leuchtete sie aus ihrer schäbigen Nachbarschaft hervor wie ein Feuer in einem Wald; und mit ihren frisch gestrichenen Fensterläden, blank geputzten Messingbeschlägen und ihrer allgemeinen Sauberkeit und Heiterkeit zog sie die Blicke und das Wohlgefallen des Passanten sofort auf sich.

Zwei Häuser nach einer Straßenecke, linker Hand in östlicher Richtung, wurde die Reihe durch einen Hofeingang unterbrochen, und genau an dieser Stelle drängte ein düster aussehendes Gebäude seinen Giebel auf die Straße. Es war zwei Stockwerke hoch, hatte kein einziges Fenster, sondern weiter nichts als eine Tür im Erdgeschoss und die blinde Stirn einer ausgebleichten Wand im oberen Stock, und trug in jedem Detail die Merkmale jahrelanger, schmählicher Vernachlässigung. Die Tür, die weder eine Glocke noch einen Klopfer hatte, war rissig und verblasst. Stadtstreicher schlurften in diesen Winkel hinein und strichen am Türstock ihre Zündhölzer an, Kinder spielten auf den Treppenstufen Kaufladen, ein Schuljunge hatte an den Zierleisten sein Messer ausprobiert, und seit nahezu einem Menschenalter war niemand erschienen, um diese gelegentlichen Besucher fortzujagen oder ihre Zerstörungen auszubessern.

Mr. Enfield und der Anwalt gingen auf der anderen Seite der Straße, aber als sie auf der Höhe des Eingangs waren, hob Ersterer seinen Stock und zeigte hinüber.

»Hast du jemals diese Tür bemerkt?«, fragte er und fuhr, nachdem sein Begleiter dies bejaht hatte, fort: »Sie ist in meiner Erinnerung mit einer sehr sonderbaren Geschichte verknüpft.«

»Tatsächlich?«, sagte Mr. Utterson mit einer kleinen Veränderung in der Stimme. »Und was war das?«

»Nun, es war folgendermaßen«, entgegnete Mr. Enfield. »Ich war auf dem Heimweg von irgendeinem Ort am Ende der Welt, so gegen drei Uhr an einem schwarzen Wintermorgen, und mein Weg führte durch ein Viertel, wo buchstäblich nichts zu sehen war außer den Laternen. Straße auf Straße, und alle Leute schliefen – Straße auf Straße, alle hell erleuchtet wie für eine Prozession und alle so leer wie eine Kirche –, bis ich zuletzt in jene Stimmung geriet, in der man horcht und horcht und sich nach dem Anblick eines Schutzmanns zu sehnen beginnt. Plötzlich sah ich zwei Gestalten: Die eine war ein kleiner Mann, der schnellen Schrittes ostwärts stampfte, die andere ein Mädchen von vielleicht acht oder zehn Jahren, das so schnell es konnte eine Querstraße hinunterrannte. Nun, die beiden prallten zwangsläufig an der Ecke aufeinander, dann aber kam der schreckliche Teil der Geschichte: Der Mann trampelte ruhig über den Körper des Kindes hinweg und ließ es schreiend am Boden liegen. Wenn man es so hört, klingt es nach nichts, aber es war höllisch anzusehen. Das war kein Mensch, sondern irgendeine verteufelte Dampfwalze. Ich stieß einen Jagdschrei aus, nahm die Beine in die Hand, packte den feinen Herrn am Kragen und schleppte ihn zu der Stelle zurück, wo sich bereits eine ganze Gruppe um das schreiende Mädchen versammelt hatte. Er war vollkommen ruhig und leistete keinen Widerstand, aber er warf mir einen einzigen Blick zu, so grässlich, dass mir der Schweiß ausbrach. Die Leute, die herbeigelaufen waren, waren die Angehörigen des Mädchens, und sehr bald erschien auch der Doktor, den zu holen es geschickt worden war. Nun, dem Kind war nicht viel geschehen, es war mehr der Schreck, wie der Knochensäger sagte, und damit hätte man annehmen können, die Geschichte wäre zu Ende. Aber es gab einen merkwürdigen Umstand dabei. Ich hatte auf den ersten Blick einen starken Abscheu gegen diesen feinen Herrn gefasst. Der Familie des Kindes ging es ebenso, was ja ganz natürlich war. Aber was mich stutzen ließ, war das Benehmen des Doktors. Er war der typische Quacksalber, von unbestimmbarem Alter und farblos, mit starkem Edinburgher Akzent und ungefähr so gefühlvoll wie ein Dudelsack. Nun, ihm ging es genau wie uns anderen: Jedes Mal, wenn der Knochensäger meinen Gefangenen ansah, bemerkte ich, dass er ganz krank und kreideweiß wurde vor Lust, ihn totzuschlagen. Ich wusste, was in seinem Kopf vorging, genau wie er wusste, was ich dachte, und da Totschlagen nicht in Frage kam, taten wir das Nächstbeste. Wir sagten dem Mann, wir könnten und würden aus dieser Geschichte einen solchen Skandal machen, dass sein Name von einem Ende Londons zum anderen stinken würde. Falls er Freunde hätte oder ein gewisses Ansehen genösse, würden wir dafür sorgen, dass er beides verlöre. Und die ganze Zeit über, während wir uns hitzig in die Sache hineinsteigerten, hielten wir ihm, so gut es ging, die Frauen vom Leib, denn die waren wie wilde Furien. Nie zuvor habe ich einen Kreis von solch hasserfüllten Gesichtern gesehen, und mittendrin stand mit einer finsteren, höhnischen Gleichgültigkeit der Mann – ängstlich zwar, das sah ich ihm an –, aber ohne mit der Wimper zu zucken, wahrhaftig, Utterson, wie Satan. ›Wenn Sie aus diesem Zwischenfall Kapital schlagen wollen‹, sagte er, ›so bin ich natürlich machtlos. Kein Gentleman möchte Aufsehen erregen, wenn es sich vermeiden lässt‹, sagte er. ›Nennen Sie mir Ihre Summe.‹ Nun, wir trieben den Preis auf hundert Pfund für die Familie des Kindes hinauf. Natürlich hätte er sich gerne gesträubt, aber die Stimmung in unserer Gruppe verhieß nichts Gutes, sodass er schließlich nachgab. Als Nächstes galt es, das Geld herbeizuschaffen, und wohin, glauben Sie, führte er uns? Genau zu jener Tür dort. Er zog einen Schlüssel hervor, ging hinein und kam augenblicklich wieder heraus mit zehn Pfund in Gold und einem Scheck über den Restbetrag auf Coutts’s Bank, zahlbar an den Überbringer und unterzeichnet mit einem Namen, den ich nicht nennen kann, obwohl er eine entscheidende Rolle in meiner Geschichte spielt, ein sehr bekannter Name jedenfalls, den man oft gedruckt sieht. Die Summe war beträchtlich, die Unterschrift aber für noch mehr gut, wenn sie nur echt war. Ich nahm mir die Freiheit, meinen feinen Herrn darauf hinzuweisen, dass die ganze Sache recht zweifelhaft erscheine, dass im gewöhnlichen Leben ein Mensch nicht um vier Uhr morgens durch eine Kellertür gehe und mit dem Scheck eines anderen Menschen über beinahe hundert Pfund wieder herauskomme. Aber er blieb ganz ruhig und grinste nur höhnisch. ›Sie können beruhigt sein‹, sagte er, ›ich werde bei Ihnen bleiben, bis die Banken öffnen, und den Scheck selbst einlösen.‹ Also gingen wir alle miteinander los, der Doktor, der Vater des Mädchens, unser Freund und ich, und verbrachten den Rest der Nacht in meiner Kanzlei, und am nächsten Morgen, nachdem wir gefrühstückt hatten, gingen wir alle zusammen zur Bank. Ich reichte den Scheck selbst ein und sagte, ich hätte allen Grund anzunehmen, dass er gefälscht wäre. Keine Spur! Der Scheck war echt.«

»Na, na!«, sagte Mr. Utterson.

»Ich sehe, du empfindest genau wie ich«, sagte Mr. Enfield. »Ja, es ist eine üble Geschichte. Denn mein Mann war ein Kerl, mit dem niemand etwas zu tun haben möchte, ein richtiger Galgenvogel, und die Person, die den Scheck ausgestellt hat, ist der Inbegriff der Wohlanständigkeit, berühmt und (was es noch schlimmer macht) einer von deinen Leuten, die sich als Wohltäter bezeichnen. Erpressung, nehme ich an: ein anständiger Mensch, der für irgendwelche Jugendtorheiten in die Tasche greifen muss. Daher nenne ich jenes Gebäude mit der Tür das ›Erpresserhaus‹. Obwohl auch das ja bei Weitem nicht alles erklärt«, setzte er hinzu und versank mit diesen Worten in tiefes Nachdenken.

Mr. Utterson riss ihn aus seinen Gedanken, indem er recht unvermittelt fragte: »Und du weißt nicht, ob der Aussteller des Schecks dort wohnt?«

»Ein passender Ort, nicht wahr?«, entgegnete Enfield. »Aber zufällig kenne ich seine Adresse; er wohnt an irgendeinem Platz.«

»Und du hast dich nie erkundigt – nach dem Haus mit der Tür?«, fragte Mr. Utterson.

»Nein, Utterson, ich hatte eine gewisse Scheu davor«, lautete die Antwort. »Ich stelle überhaupt nur ungern Fragen, es erinnert zu sehr an den Tag des Jüngsten Gerichts. Man wirft eine Frage auf, und es ist, als hätte man einen Stein ins Rollen gebracht. Man sitzt ruhig oben auf einem Berg, und der Stein rollt fort, reißt andere mit; und im nächsten Augenblick wird ein gutmütiger alter Knabe (an den man am wenigsten gedacht hat) in seinem eigenen Garten am Kopf getroffen, und die Familie muss ihren Namen ändern. Nein, Utterson, ich habe es mir zur Regel gemacht: Je verdächtiger eine Sache aussieht, desto weniger frage ich.«

»Ein sehr vernünftiger Grundsatz«, sagte der Rechtsanwalt.

»Aber ich habe mir selbst den Ort genau angesehen«, fuhr Mr. Enfield fort. »Eigentlich ist es gar kein richtiges Haus. Es gibt keine weitere Tür, und durch diese eine geht niemand ein oder aus bis auf den Gentleman meines Abenteuers, und auch der nur ganz selten. Im ersten Stock sind drei Fenster zum Hof hinaus, unten ist keins, die Fenster sind immer geschlossen, aber sauber. Und dann ist da noch ein Schornstein, der meistens raucht; es muss also jemand dort wohnen. Und doch ist das nicht so sicher, denn die Gebäude stehen um diesen Hof herum so dicht beieinander, dass man kaum sagen kann, wo das eine aufhört und das nächste anfängt.«


Robert Louis Stevenson, Gemälde von John Singer Sargent, 1887

Robert Louis Stevenson | Gemälde von John Singer Sargent | 1887 | Gemeinfrei | via Wikimedia Commons

Ein junger Mann und seine Leidenschaft

Robert Louis Stevenson war ein außergewöhnlicher Mann und Schriftsteller (Romancier, Lyriker, Essayist), der seiner (spätviktorianischen) Zeit weit voraus war. Seine ironischen Brüche und überhaupt sein scheinbar spielerischer Umgang mit Sprache wurden von vielen Zeitgenossen wenig wohlwollend beäugt. Doch das schien diesen getriebenen Mann aus dem schottischen Edinburgh erst recht anzuspornen. Eine Menge Gedichte, Erzählungen und einige zeitlose Klassiker in Prosa-Form hinterließ der im Alter von gerade mal 44 Jahren verstorbene Stevenson. Allgegenwärtige Titel wie der Jugendbuchklassiker „Treasure Island“ („Die Schatzinsel“) und die Novelle „Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde“ („Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“) wie auch der Roman „Kidnapped“ („Entführt – Die Abenteuer des David Balfour“) zählen zu diesen kleinen, über einige Strecken revolutionären Juwelen aus seiner Feder.

Unter den Gedichten Stevensons finden sich nicht wenige, die eine sehr hohe Sensibilität und Liebe zum Detail preisgeben, darunter z. B. „Christmas At Sea“ („Weihnachten auf See“), das von einem gewissen Matthew Gordon Thomas Sumner (aka STING) so stimmungsvoll vertont wurde, zu finden auf dem Album „If on a Winter’s Night“ oder als Live-Mitschnitt aus einem Konzert in der Kathedrale des im Nordosten Englands gelegenen Durham. Eine Harfenistin der schottischen Folk-Band The Poozies spielt und singt in Gälisch dazu.

Doch zurück zum eigenwilligen schriftstellerischen Werk des chronisch lungenkranken Ausnahmetalents Robert Louis Stevenson. Sein den meisten von uns wohl geläufigster Titel über Dr. Jekyll und sein abgründiges Alter Ego Mr. Hyde hält fortwährend Einzug in unsere Pop-Kultur. Das Motiv ist zigfach verfilmt wie auch für die Theaterbühne inszeniert und sogar einige Male mit dem Jack-the-Ripper-Fall verquickt worden.

Stevensons Erkrankung war ursächlich für fiebrige Wachträume, deren Auswüchse sich insbesondere in seiner Lyrik wiederfinden. Das Träumerische trifft in seinen Gedichten auf harte Brüche der Ernüchterung. Diese mit der schweren Krankheit verbundenen psychischen Beben lassen sich auch in Dr. Jekyll & Mr. Hyde auf vielen Ebenen sinnbildlich lesen. So befand sich der junge Autor schon früh im Spannungsfeld zwischen Leben und Tod, seinem Lebensdrang und den Wahnzuständen, die seinen jähen Verfall markierten.

Robert Louis Stevenson brannte für die bekannten Vertreter des französischen Symbolismus (also Verlaine, Stendhal, Baudelaire und Lautréamont). Die feinen Strukturen ihrer Dichtung beeindruckte den aufstrebenden jungen Schotten wie auch viele seiner Zeitgenossen und späteren Dichter, selbstredend nicht nur aus dem angelsächsischen Raum. Er pflegte eine langjährige intensive Freundschaft zu dem Erfinder des Detektiv-Duos Holmes & Watson, Sir Arthur Conan Doyle, der ihm weit mehr als bloß wohlwollend begegnete.

Stevensons spannende, nie leicht durchschaubare Erzählungen, die ein wenig den „Penny Dreadfuls“ (so nannte man die Groschenromane zu jener Zeit) Tribut zollen, bedienen verschiedene Genres – sowohl das der Detektivgeschichte wie auch jene der Schauermär und des Abenteuers zu Land und zur See für Jung und Alt.

Das vermeintlich rein Spielerische trügt über das Kalkül des Autors Stevenson hinweg, war er doch bekannt und befreundet mit einigen der namhaftesten und scharfsinnigsten Kritiker, Essayisten und Literaturtheoretiker seiner Zeit. Darunter auch Walter Pater, der ähnlich perfektionistisch und formstreng war wie sein Freund Robert. Ihre intensiven Korrespondenzen formten und festigten wohl die eigene Vorstellung von literarischer Ästhetik.

Es schien keine flüchtigen, belanglosen Dinge für diesen Menschen zu geben. Alles war Leidenschaft bei Robert Louis Stevenson.

Dementgegen steht aber seine Liebe zur Trivialliteratur. Und er schien nun ein Hybrid schaffen zu wollen: das lustvoll Banale des Schundromans mit seiner Überzeugung von ästhetischen Strukturen.

Rückblickend muss man zweifelsfrei anerkennen, dass ihm dieses Unterfangen geglückt war. Und das trotz massivster Widrigkeiten. Die Krankheit zerrte an allem, was er brauchte, um sich vollkommen einzulassen in das, was wohl von Anfang an seine Berufung war. Ein gehaltvoller, bedeutender Nachlass, den uns dieser Mann hinterließ.

Stevensons Vorfahren waren Ingenieure und Erbauer der Leuchttürme an schottischen Küsten. Sein Vater war Mietglied der Royal Society Edinburgh. Die Lehre des Kalvinismus bestimmte seine Erziehung. Der Glaube, gestärkt durch das mütterliche Presbyterianertum, brachte dem jungen Robert Schuldbewusstsein und Selbsterforschung bei. Das Studium der Bibel sowie religiöser Erbauungsliteratur stand weit über verachtenswerter Unterhaltungslektüre. Bei Verwandten in Colinton las man sich laut vor. Hier nahm er früh die Schriften Walter Scotts, Victor Hugos, De Balzacs, Jane Austens, Alessandro Manzonis wie auch jene von Goethe in sich auf.


„Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ | Die Verwandlung | Poster aus den 1880er Jahren

„Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ | Die Verwandlung | Poster aus den 1880er Jahren | Gemeinfrei | via Wikimedia Commons

Jekyll & Hyde – die Story und ihr Einfluss auf die Popkultur bis heute

Was macht die Faszination dieser Geschichte, die bis heute anhält, im Kern aus? Ein Mensch, der die Kontrolle über seine unterbewussten Triebe verliert, dessen dunkle Seite dominiert und grausame Morde begeht. Ein zeitloses Motiv. Die durch Verfilmungen so eindrücklich vermittelte Entstelltheit Mr. Hydes aber findet sich im Text nicht wirklich. In der Erzählung wird sie vielmehr als eine zutiefst finstere, fast unmenschliche Aura von tiefster Abgründigkeit und Bösartigkeit beschrieben, welche – mitsamt der Unfassbarkeit seiner Person (obwohl früh Hinweise gestreut werden) – hier den eigentlichen Schrecken erzeugt.

Das Motiv der Persönlichkeitsspaltung bzw. das Doppelgänger-Motiv findet sich vielfach in der Literatur des 19. Jahrhunderts, so z. B. in E. T. A. Hoffmanns „Der Sandmann“, in Poes „William Wilson“, Jean Pauls „Siebenkäs“ oder Dostojewskis „Der Doppelgänger“. Zu untersuchen, was Stevensons Werk unter all jenen herausstechen lässt, ist ein Vergnügen, dem sich jede*r hingeben kann, so die Zeit einem nicht zu schade ist (und nicht sein sollte).

Diese Novelle ist Kult und nicht allein aufgrund des zeitlosen Themas ein hervorragend alternder. Auch wenn der Autor hier komplexere Absichten verfolgte, lassen sich in diesem Werk Spuren der Parodie finden. Parodien der klassisch französischen „romans policiers“ (Kriminalromane) erhielten zu jener Zeit starken Einzug. Eine der herrlichsten Parodien lieferte wohl Thomas Bailey Aldrich mit „The Stillwater Tragedy“, in der sämtliche Analysen des Herrn Detektiv lächerlich absurd ins Leere laufen.

Weder reine Parodie, noch reines Drama, noch reiner Krimi, noch rein psychologischer Roman – Stevensons Klassiker ist vielleicht ein Krimi, der all die Elemente der genannten Gattungen enthält.

Fredric March in "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" | USA 1931 | Screenshot von www.imdb.com

Fredric March in „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ | 1931 | Screenshot | www.imdb.com

Eine der ersten Verfilmungen mit Fredric March als Mr. Hyde von 1931 war ein großer Publikumserfolg. Später kam es vermehrt zu Abwandlungen, die sich immer weiter von der Literaturvorlage entfernten, bis hin zu der Wiederaufnahme des Jekyll-and-Hyde-Motivs in der Serie „Penny Dreadful“ (2014 – 2016).

Zu den originelleren Umsetzungen kam es 1968 im TV-Grusel „Die Geschichte des Dr. Jekyll & Mr. Hyde“ mit Jack Palance in der tragenden Rolle sowie 1990 in „Jekyll & Hyde“ mit Michael Caine, Cheryl Ladd und Ronald Pickup. Das Werk steht heute in einer Reihe mit Mary Shellys „Frankenstein“, Bram Stokers „Dracula“, E. T. A. Hoffmanns „Elixiere des Teufels“ oder Gaston Leroux‘ „Phantom der Oper“.

Michael Caine im Film "Jekyll & Hyde" | 1990 | Screenshot von www.imdb.com

Michael Caine in „Jekyll & Hyde“ | 1990 | © CAPITAL CITIES/ABC, INC. | www.imdb.com

Auch wenn sich der Sprachakrobat Stevenson in seiner Lyrik und zahlreichen Erzählungen weitgehend exzessiv ausgetobt hatte, kommt seine Novelle „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, gemessen an unseren heutigen Lesegewohnheiten zumindest recht konventionell/altbacken daher. Doch das trübt hier keinesfalls das Lesevergnügen. Dieses Kammerspiel ist ein wahrer Genuss.

…last but not least…

Wer über diese Schauernovelle Blut geleckt haben sollte, dem sei auch Stevensons „The Master of Ballantrae. A Winter’s Tale“ (dt.: „Der Junker von Ballantrae“) wärmstens empfohlen. Ein historischer Abenteuerroman, der nicht nur, doch eben auch durch seine Komplexität überzeugt. Und wer mehr über Autor und Werk erfahren mag, ist mit der Abhandlung „Der Erzähler Robert Louis Stevenson“ von Horst Dölvers bestens beraten.

Stevenson schrieb einmal in einem Essay über die Lektüre abenteuerlicher Bücher:

„Erzählungen bedeuten für den erwachsenen Menschen so viel wie für Kinder das Spielen.“

Wer möchte ihm da widersprechen … ;*

Ein Beitrag von J. T. 


Weiterführende Links und Literatur:
Robert Louis Stevenson – Wikipedia
Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde – Wikipedia
Robert Louis Stevenson | The Poetry Foundation (engl.)
Sting: A Winter’s Night… Live from Durham Cathedral | YouTube
• Horst Dölvers: „Der Erzähler Robert Louis Stevenson: Interpretationen“ | Francke Verlag | 1969
• Burkhard Niederhoff: „Erzähler und Perspektive bei Robert Louis Stevenson. (Epistemata – Würzburger wissenschaftl. Schriften. Reihe Literaturwissenschaft, Bd. 120)“ | Würzburg: Königshausen u. Neumann | 1994

Bilder:
• Titelbild (Ausschnitt): Fredric March in „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ | 1931 | © www.derwahlberliner.com
• Eigene Titelgrafik von J. T. (AlexOffice) zu Teil 2 der Reihe Literary ClassiX | Robert Louis Stevenson
• Robert Louis Stevenson 1885 | Foto von Lloyd Osbourne | Project Gutenberg | Wikimedia Commons
• Robert Louis Stevenson | Gemälde von John Singer Sargent | 1887 | Wikimedia Commons
• „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ | Die Verwandlung | Poster aus den 1880er Jahren | Wikimedia Commons
• Fredric March in „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ | 1931 | Screenshot | www.imdb.com
• Michael Caine in „Jekyll & Hyde“ | 1990 | © CAPITAL CITIES/ABC, INC. | Screenshot | www.imdb.com 


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