Diese drei Ostergedichte wirken auf den ersten Blick still und fast rätselhaft – und entfalten doch eine klare Bewegung: vom Erwachen der Natur hin zu einer inneren, tief persönlichen Veränderung. Es geht weniger um Frühling im klassischen Sinne, sondern um Aufbruch, Wandel und die leise Sehnsucht nach etwas Größerem. Der Autor beschreibt seine Texte selbst als „zarte, nachdenkliche Sonette, welche ans Metaphysische des aufkeimenden Frühlings in Gedanken-Bildern symbolischer Tiefe rühren“.


 

Ostertag in Worpswede

I.

Silbrig samtet Morgen auf Gezweigen
Geistesharfen künden süßes Hoffen
Als sei jede March* hold aufgebrochen
Um sich neuen Räumen hinzuneigen.

Fein beginnen erste Vögelreigen
Ihre Sänge, zagend, rein umflochten
Einen Kranz dem winterlich Umfocht’nen
Nun zu wirken, Ihn im Sieg zu kleiden

So auch regt in mir ein zeit’ges Streben
Sich zur Tat, in Zeigen zu berühren –
Welche innerlichst verborgen leben

Und im Wallen unter Manchem kürend
Meines Denkens grüne Mär zu weben:
Herzen zu der licht’nen Weite führend.

 

II.

Dort ruhn die Dinge in entborg’ner Stille
Als wären sie sich selbst genug geworden
Ein leiser Sphärenton aus fernstem Sorgen
Erhält uns in kaum aussagbarer Fülle

Den Äther rein von einwendbaren Zeichen
Die sich nicht mehr ins Hassende begeben
Und doch mit stiller Gänze mich durchweben
Als wollten sie ans Grenzenlose reichen –

So endet nichts – es wandelt nur sein Wesen
Und was wir Anfang nannten, wird ein Blick
Der sich verlieren darf in hohem Glück:

So will ich mir den Übergang erlesen
Und finden Ihn, im sanften Schritt zurück
An Rändern seh’ner Liebe, harmgebückt.

 

III.

Ein Seen-Ahnen liegt auf diesen Wegen
Und jeder Schritt wird Stille und Gebet
Ein Unbestimmtes, das aus Sternen weht
Als wolle es sich lächelnd offen legen

So werde mir ein Hort gebot’ner Früchte
Den ich noch kaum, doch innig schon begehre
Mein Inn’res leitet in den Raum der Meere
Als trügen schon die stammelnden Gedichte

Wie Narde hüllend, einer Seele Düfte
Und jeder Tag ersehnt Dich ohne Wissen
Als riefen sie, ein Sphärenton der Lüfte:

„O, komme“ – lasse opfernd uns vermissen
Bis Sand der Zeiten hebt in hohem Ruf
Und aller Pfade Mühen Dich umschließen.

 

Werner Otto von Boehlen-Schneider

 

*March = Grenze (mittelhochdeutsch)


Titelbild (Ausschnitt) von Michael auf Pixabay


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