Unsere Kollegin Cornelia Schmitz, die einige Jahre im AlexOffice gearbeitet hat, genießt nun ihr Rentnerinnen-Dasein und denkt in ihrem Beitrag »Wir müssen über die Rente reden« aus der Perspektive ihrer persönlichen Erfahrungen und Ansichten über die Vor- und Nachteile einer Beschäftigungszeit in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) in Bezug auf die Rente nach.


 

Wir müssen über die Rente reden

Seinerzeit war es das Argument für meinen Beitritt zur WfbM:
„Frau Schmitz, die zahlen für Sie in die Rentenkasse ein!“
So wurde es mir damalig in meinem Trainingszentrum gesagt.

Yippie, dachte ich. Meine Zukunft ist in trockenen Tüchern. Ich werde mein Lebtag ein zwar kleines, doch sicheres Einkommen haben. Ich brauche mir keine Sorgen mehr um meinen Arbeitsplatz zu machen, wenn ich einmal länger krank bin. Ich kann mit meinem bewegten Leben endlich vor Anker gehen.
Für mich war die Hauptsache, dass mein Alter halbwegs gesichert sei.
Ich dachte damals: Klar, später mit der Rente, werde ich keine großen Sprünge machen können. Doch ich werde auch nicht im Supermarkt stehen und überlegen, ob ich mir Ketchup zu den Nudeln leisten kann. Sicherheit, das war das zentrale Anliegen meines Lebens, denn mit einer bipolaren Störung und Angst gleicht die Lebensreise einer Bergwanderung ohne Plan, Übung und angemessene Ausstattung durch unwegsames Gelände. Bei einem Sturmtief.

Und nun? Die Rente ist durch. Der Rentenbescheid ist da. Wurden meine Erwartungen erfüllt?
Vorab: Ja, das wurden sie.

Ich bin mit 47 in die Werkstatt gegangen, mit einer bereits erfolgten Berufsbiographie, sehr guter Ausbildung und einer EU-Rente. Diese Erwerbsminderungsrente wurde jetzt in die Altersrente umgewandelt, der kommende Betrag ist rund 150€ höher als die jetzige Rente. Die Werkstattzeit hat sich also gelohnt.

Doch zwischendurch habe ich mich immer wieder gefragt, ob ich nicht mit EU-Rente und einer geringfügigen Beschäftigung finanziell bessergestellt gewesen wäre, zumal ich ein seriöses Jobangebot für eine 450 Euro Stelle hatte. Vielleicht hätte ich mir zudem Stress ersparen, ein viel relaxteres Leben führen können. Denn die Werkstatt brachte mir, neben ihren Vorteilen, auch ihre Sorgen, das Stigma, die Scham, auch die fortwährenden Trigger hinsichtlich meiner psychischen Erkrankung.
Hätte ich bei zwei Tagen Arbeit zum Mindestlohn genug verdient, um für das Alter ansparen zu können? Nein, ich glaube nicht. Und vor allem: Ich hätte meine Anwesenheit, meinen Einsatz jederzeit garantieren müssen – hier lag der Hase im Pfeffer. Unschätzbarer Vorteil der WfbM: Man kann auf seine Erkrankung Rücksicht nehmen. Zudem läuft man als bipolarer Mensch Gefahr, in einer Hoch-Phase wortwörtlich Geld aus dem Fenster zu werfen.

Und warum müssen wir dann jetzt reden?
Weil die Renteninformation so wichtig ist, all diese monetären Überlegungen. Schließlich lebt man nicht, um zu arbeiten, sondern man arbeitet, um zu leben.
Und weil ich eben nicht zuletzt nie im Bürgergeld-Bezug war, sondern schon in die Rentenkasse eingezahlt hatte. Das ist bei vielen meiner Schicksalsgenossen anders, dazu komme ich später noch mal.

Und wer weiß diese wichtigen Informationen? Nun, der soziale Dienst der WfbM müsste es wissen. Könnte es wissen. Sollte es vielleicht. Um fair zu sein: Die Materie ist kompliziert, ändert sich zudem ständig.
Der Soziale Dienst muss es vielleicht nicht ganz genau wissen, aber er MUSS immer wieder die Beschäftigten dazu auffordern, sich bei der Rentenstelle gesicherte Informationen einzuholen, nicht nur einfach auf das Pseudobrutto verweisen. Vielleicht könnte man seitens der Werkstatt die Rentenstelle auch turnusmäßig zur Beratung in die Einrichtung einladen. Oder jedenfalls ein Verfahren etablieren, mit dem die behinderten Menschen über die spätere Rente aufgeklärt werden – das ist nicht unerheblich im Hinblick auf den Verbleib in der WfbM.

Zu den materiellen Fragen kommen natürlich noch die immateriellen Werte, die das Werkstattleben zu bieten hat; also etwa das Gefühl, noch irgendwie im Arbeitsleben zu stehen, an der Arbeit teilzuhaben. Dazu Freundschaften und Kollegen, die berühmte „Tagesstruktur“, und schließlich ein etwaiger Zugewinn an Fähigkeiten.
Ich weiß genau, dass sehr viele meiner Kollegen und Kolleginnen sich das Werkstattleben unbedingt wünschen und sich absolut scheuen, auf den ersten Arbeitsmarkt zurückzukehren. Sie schätzen „das Nest“, die Ruhe, auch die Möglichkeit sozialer Kontakte, die Freundschaften unter den Kollegen und Kolleginnen, obwohl (vielleicht gerade, weil?) … die Beschäftigten-Gruppe hoch fluktuativ, brüchig, bunt zusammengewürfelt ist. Man findet alle Ethnien, jedes Alter, jedes Geschlecht. Einzige Klammer: die Krankheit und die Armut. Trotzdem (vielleicht gerade, weil) hielten wir zusammen, waren wir Kumpane.

Was ist mit Tagesstruktur und dem Zugewinn an Fähigkeiten? Ich selbst kann mir den Tag gut selbst einteilen, mache das sogar viel lieber. Ich muss nur eine Anlaufstelle, einen Hafen haben. Andere wünschen sich jedoch eine glasklare Ordnung,

Zugewinn an Fähigkeiten, naja. Aus meiner Sicht müssten Werkstätten hier – wie schon an anderer Stelle gesagt – sehr viel mehr Fähigkeiten vermitteln, die auf den ersten Arbeitsmarkt zurückführen: PC und KI-Training, Englisch, Mathe, Deutsch, soz. Kompetenz, Bewerbungstraining, etc. Sie müssten fluide Trainingszentren werden, im Sinne eines Sprungbrettes, und zwar nicht wegen einer vagen Inklusionsidee, sondern aus ganz praktischen Erwägungen.
In einer Einrichtung wie der meinen liegt soviel Potential brach, es ist einfach eine Schande. Und die Frage ist doch auch, wie lange es bei einer schlechter werdenden wirtschaftlichen Situation, solche Einrichtungen noch geben wird.
Werkstattleiter, Betriebsstättenleiter und Gruppenleiter sollten folglich leistungsabhängig entlohnt werden, wobei die Leistung darin bestehen sollte, die beschäftigten Menschen auf den ersten Arbeitsmarkt zu bringen. Das Ziel sollte meines Erachtens bei mindestens 30 Prozent liegen.

Meine Rente ist durch. Sie ist nicht üppig, aber ich kann mir, wegen meiner beruflichen Vorgeschichte, Butter aufs Brot leisten. Bei vielen meiner Kollegen und Kolleginnen, die eigentlich immer im Bürgergeldbezug waren, dürfte das auch im Alter so sein, Renteneinzahlung der WfbM hin oder her. Das heißt: Die Menschen leben lebenslänglich in Armut. Ist das das kuschelige Nest wert?
Ich weiß es wirklich nicht. Ganz sicher nicht für jeden.

Ein Beitrag von Cornelia Schmitz

Titelbild (Ausschnitt) von Bruno Aguirre auf Unsplash  


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