Eine Kollegin aus dem AlexOffice schildert ihre persönlichen Erfahrungen mit der Depression, in denen sich wohl manche*r von uns wiederfinden wird. Die Beschreibung der Art und Weise, wie sie mit ihren Ängsten umgeht, kann auch für andere Betroffene hilfreiche Anregungen beinhalten.

Da es sich um sensible Inhalte handelt, setzen wir an dieser Stelle eine ***Triggerwarnung***.


 

Ich unter Druck

Was ist Ihre größte Angst? In diesen Tagen haben viele Leute große Angst. Nach der Pandemie (ist die eigentlich jetzt vorbei?) kamen der Ukraine-Krieg und die Furcht vor einem dritten Weltkrieg, der plötzlich ganz nahe gerückt scheint. Viele haben also konkret Angst davor, ihr Leben zu verlieren und zwar bald.

Wir leben seit vielen Jahren im Krisenmodus, ist Ihnen das bewusst? Mit 9/11 begann (für mich und viele andere) das Unbehagen an der Weltpolitik, es kamen weitere islamistische Anschläge, dann die Finanzkrise, die Griechenlandkrise, der Syrienkrieg, die Flüchtlingswellen. Die Sorgen, die uns vor Corona so zugesetzt haben – vor allem ums Klima – wurden dadurch, dass sich die großen Player der Weltpolitik als Feinde gegenüberstehen, nicht kleiner, im Gegenteil. Dazu all der andere Ballast: Das Ahrtal (fast schon wieder vergessen), die Inflation, die hohen Spritpreise, die Liste scheint endlos.

Zu all den Lasten, die einem die Realität zurzeit aufbürdet, kommt die eigene Verfasstheit. Unsereiner ist nicht gerade für Optimismus bekannt. Wie ist die Lage für Menschen mit einer psychischen Störung derzeit und was kann man tun, um sich nicht vor Angst schlotternd im Bett wiederzufinden? Oh, dolce far niente, sweet nothing, süßes Nichtstun, wo bist du nur hin? Sex, Drugs and Rock ‘n Roll, die Tage der Blumenkinder, das ist eine Ewigkeit her.

Meine Ängste

Lange Zeit habe ich die Nachrichten aus der Draußenwelt zwar wahrgenommen, doch sie schienen mich nicht zu betreffen: Ich war gefangen in der Auseinandersetzung mit mir selbst. Die Realität, das war nur die Folie, vor der sich mein innerer Kampf abspielte.

Dies ist meine größte Angst: Ich habe Angst, meinen Verstand zu verlieren und zwar für immer. Es ist meine persönliche Bürde, die ich mit mir herumtrage, und natürlich wird sie durch Stress nicht geringer, im Gegenteil. Nun, spätestens seit Corona, ist es mit Vogel-Strauß-Politik definitiv vorbei; ich kann das Draußen nicht mehr ausblenden. Es hilft nichts, die Nachrichten nicht mehr anzuschauen, sie krabbeln dir bis ins Bett hinterher und sie sagen: Etwas stimmt nicht, und du kannst es dir nicht mehr leisten, dich mit deinen inneren Sorgen zu beschäftigen. Du musst nun stark sein. Das macht Druck, noch mehr Druck, als ohnehin schon.

Was kann ich tun?

Was kann man tun, was muss man tun, um sich selbst vor der drückenden Bedrohung zu schützen? Die gute alte Zeit – so viel scheint mir sicher – ist vorbei und selbst wenn „wir“, also „der Westen“, in der aktuellen Lage mit einem blauen Auge davonkommen und uns Zeit erkauft haben: der dritte Weltkrieg wird vermutlich eintreten; es ist nicht die Frage „ob“ sondern „wann“.

Klinge ich wie eine pessimistische Unke? Das liegt daran, dass ich eine pessimistische Unke bin. Depressive Menschen sehen die Welt grundsätzlich nüchterner, düsterer, trostloser, pessimistischer, grauer, kurz: sie haben die rabenschwarze Brille auf und die rosarote verlegt.

Was kann ich aber tun, was können Menschen wie ich tun, um sich nicht wehrlos der Depression zu ergeben, diesem grauenhaften Gefühl der Ohnmacht, dem Gefühl von einem Ameisenhaufen im Hirn?

Einen Vorteil habe ich: Erfahrung. Ich habe Therapieerfahrung, „Psychiatrieerfahrung“ wie man so schön sagt. Und natürlich Lebenserfahrung.

Drei Leitsätze haben sich mir eingehämmert:

  • Lebe den Moment
  • Tue nichts, worauf du keine Lust hast
  • Reiß dich nicht zusammen

Soll heißen: Wenn es mir schlecht geht, nutze ich jeden Moment, der mich zum Verweilen einlädt, der früher schon einmal geholfen hat, der schön ist und gute Gefühle macht. Ich gestatte mir alles, gleich ob „gesund“ wie Schwimmen oder Schreiben, oder „ungesund“ wie eine Zigarette oder Alkohol. Ich versuche, den Druck, der ohnehin auf mir lastet, weitestgehend zu minimieren.

Mein bestes Rezept gegen Depression

Mein bestes Rezept gegen Depression ist immer noch „schlunzen“ – mich also zum Bummeln einladen.  Es läuft gut, wenn ich in meiner Wohnung alleine bin und in meinen eigenen vier Wänden von jetzt auf gleich tun und lassen kann, was ich will – wenn’s gar nicht anders geht, mir auch die Decke über den Kopf zu ziehen. Es läuft gut, wenn ich das „Du musst aber“ weitgehend ausblenden kann. Gott sei Dank habe ich einen kulanten Arbeitgeber, der die psychische Störung mitträgt. Natürlich sind meinem „Schlunzen“ Grenzen gesetzt, aber es hilft, wenn ich mir klarmache, dass es gar nicht so viel gibt, was ich unbedingt „muss“.

Von „außen“ sowieso nicht – siehe kulanter Arbeitgeber – aber auch von „innen“ nicht. Ich habe leider einen „Antreiber“ in mir, der mir dauernd sagt, ich müsse alles Mögliche können und obendrein müsse es mir dabei gut gehen, blendend sogar. Ich will nicht hundert Prozent, sondern einhunderttausend. Und das kann nicht funktionieren.

Ausblick

Um auf den Ukrainekrieg zurückzukommen: Da kann man als einfacher Bürger gar nichts machen (außer spenden). Einigen hilft, sich mit anderen zu treffen, darüber zu reden oder zu demonstrieren, mir hilft das nicht, es verstärkt mein Gefühl der Ohnmacht.

Im Grunde genommen – das ist eine Binse – muss aber jede/r sein eigenes Rezept finden. Wenn ich eines über Krisen oder psychische Störungen gelernt habe, dann das, dass jeder Jeck anders ist und dass auch die Bewältigungsstrategien für jeden andere sein können.

Ich wollte allein darauf hinaus, dass es mir hilft, den Druck rauszunehmen und so entspannt wie möglich mit mir zu sein. Dann wird aus dem: „Du musst“ manchmal ein: „Ich will“.

In diesem Sinne drücke ich uns allen die Daumen.

 

Anm. d. Red.: Wenn du betroffen bist und Unterstützung suchst, wende dich an professionelle Beratungsstellen. Erste telefonische Beratung erhältst du u. a. hier:

Telefonseelsorge, 24 Stunden erreichbar (und kostenfrei): 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222
Mailseelsorge/Chatberatung über www.telefonseelsorge.de ist auch möglich.

 

Foto (Ausschnitt) von Nathan Dumlao auf Unsplash


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