In seinem neuen Artikel schreibt unser Kollege J. T. aus dem AlexOffice über »The Wire«, eine TV-Serie zwischen Doku und Drama, die in Baltimore spielt und tief in die US-amerikanische Seele blicken lässt. Der Autor empfiehlt die Serie als „eine griechische Tragödie auf US-amerikanischer Bühne“. 


 

The Wire

Was macht The Wire, eine Serie, die tief in die US-amerikanische Seele blicken lässt, so besonders im Vergleich zu den geläufigen TV-Serienformaten? The Wire ist untypisch amerikanisch, denn es werden uns hier keine Stereotypen oder selbstbestätigenden Charaktere vorgeführt – zumindest nicht solche, die bloß unterhalten oder lediglich sich selbst genügen sollen. The Wire ist starker Tobak, bei dem das Zusehen manchmal weh tut, der den Horizont des Publikums jedoch erweitert.

Ungewöhnliche Authentizität

In wohl keiner anderen Serie im TV gab es je so viel und authentisches Personal wie in The Wire (2002 – 2008) des New Yorker Programmanbieters HBO. Keine scheint so realistisch und komplex (zumindest nicht im Genre der Krimiserie) – allenfalls vielleicht die Sopranos, in der zumindest eine tragende Nebenfigur innerhalb des ebenfalls aufwendigen Cast direkt aus der Haft zum Dreh gereist kam. In The Wire aber kommen tatsächlich Kids aus den Slums West Baltimores ins Bild und zu Wort.

Mit Idris Elba als dezentem und cleveren Akteur im Hintergrund, als Kopf eines Drogenkartells nämlich, bekommt diese Tragödie in fünf Akten (auf der Bühne eines bisher in dieser ungeschminkten Offenheit weithin übersehenen Orts in Maryland) einen charismatischen Protagonisten, der zuvor lange ohne Job war und dank The Wire später seine Filmkarriere (später erlangte Elba in der Thrillerserie „Luther“ einen größeren Bekanntheitsgrad) begründen konnte.

Keine wahren Helden – komplexe Täter

Als Hauptdarsteller wäre Dominic West alias Jim McNulty zu nennen, ein irgendwie smarter und doch gescheiterter Anti-Held, der nicht viele Freunde in dieser verkrusteten Polizeibehörde, die nicht viel Toleranz gegenüber unorthodoxen Ermittlungsbehörden eines Newcomers walten lässt, findet.

Es ist in dieser zunächst im Stil einer Vorabendserie wenig spektakulär daherkommenden Show nicht eindeutig zwischen „good & bad guy“ zu unterscheiden. Die Herren der Mordkommission sind nahezu allesamt desillusioniert und zynisch. Hier fallen wohl automatisch so ziemlich alle Sympathiepunkte auf McNulty, auch wenn dieser zunächst als mehr oder weniger selbst- und trinksüchtiger Typ auftritt. Einer, der allzu menschlich in die alltäglichen Fallen tappt und ihnen selten elegant entkommt.

Der Untertitel der ersten Staffel lautet „all the pieces matter“ (dt.: „Alle Teilchen zählen“). Zu Beginn zeigt uns die Serie das hässliche Baltimore, die Szene der Dealer und Junkies, das gesamte erbarmungswürdige soziale Elend in den Flachbauten und den Hochhäusern im Westen der Hafenstadt, das hinsichtlich seiner Drogentoten und Gebietsherrschaften von Clans und Drogenmafias mit Marseille, den Banlieues von Paris oder Brüssels Molenbeek locker mithalten kann. Die Meisten hier waren wohl immer schon chancenlos, weil niemand sie an die Hand nahm und ihnen eine Perspektive für ein bürgerliches Leben eröffnet hatte – in einem Land der vermeintlich grenzenlosen Möglichkeiten. Da ist Bubbles (gespielt von Andre Royo), ein liebenswerter Junkie, der ein ambivalentes Dasein im Ghetto fristet. Er bestreitet sein Auskommen über Ermittlungshilfen für die Cops. Cops, die in einem jämmerlich kaputt gesparten Department hocken und die häufig nur das Nötigste tun, da sich bei ihnen eine Routine des Scheiterns längst eingenistet hat. Da kommt der etwas schräge Vogel McNulty mit seiner glänzend unkonventionellen Art unliebsam und wenig willkommen daher.

Schmaler Grat zwischen Doku und Drama

Wie keine andere TV-Serie schafft es The Wire, den schmalen Grat zwischen Doku und Drama über eine Zeitspanne von über 60 Stunden aufrecht zu halten und so den Zuschauer tief in die Verwicklungen eines Falles zu ziehen und zudem die Unterwelt einer Großstadt zu porträtieren.

David Simon, der Schöpfer dieser Serie und des Vorgängers „Homicide – life on the streets“ (aus seiner und Edward Burns Feder) hatte viele Jahre für die Baltimore Sun gearbeitet, um sich dann eine Auszeit als Polizeireporter bei einer Schicht der Mordkommission zu nehmen. Dank seiner gründlichen Recherche zeichnet er die finstere Szenerie dieser Stadt weitgehend kompromisslos nach.

Baltimore liegt ziemlich exakt auf dem Mason & Dixon, der Grenze zwischen Pennsylvania und Maryland. Einstmals Hafenstadt und Industriestandort, schrumpft diese von hoher Arbeitslosigkeit, einer beängstigend hohen Mordrate und steigendem Drogenkonsum geprägten Stadt an Einwohnerzahl und wirtschaftlicher Bedeutung. Der größte Arbeitgeber Baltimores ist die John Hopkins University im Norden, die nunmehr Grundbesitz des verarmten Ostens aufkauft.

Besonders macht The Wire auch die Doppelperspektive auf das Allgemeine wie das Besondere – einerseits die postindustrielle amerikanische Stadt, andererseits die Empathisierung ihrer komplexen Figuren (trifft selbst auf die überwiegend als einfältig, stumpfsinnig und zynisch dargestellten Ermittler zu). Es ist die Vielstimmigkeit einer von Hollywood weitgehend übersehenen Stadt und die ungeschminkte Wiedergabe wirtschaftlicher Katastrophen und Ignoranz seitens der Politik sowie nicht funktionierender Institutionen, welche sich im Krieg gegen die überwiegend schlecht gebildete schwarze Unterschicht befinden. Daneben auch Bilder und Innenansichten auf 35mm Filmmaterial. Bilder, die televisuell nicht standardisiert, realistisch markiert, dynamisch, mit Bodenhaftung und vordergründig an den Charakteren orientiert sind.

Komplexe Erzählstrukturen

Die Folgen der Serie beginnen mit einem „Cold Open“, unvermittelt nach einem kurzen Prolog (einem Zitat aus der jeweils bevorstehenden Folge). Die Credits des Intros beziehen sich staffelspezifisch auf das Handlungszentrum der jeweils aktuellen Staffel – in Staffel 1 sind es die Straßen und der Drogenhandel sowie die Abhörgeräte, in Staffel 2 dann der Hafen und das illegale Treiben dort. Dazu in je unterschiedlichen Versionen ein Song mit dem Titel „way down in the hole“, sehr schwarz und bluesig. Die Montagetechnik setzt sich aus harten Schnitten, Überblendungen und Konfrontationen, die auf ihr Wesentliches reduziert werden, zusammen – ein verkabeltes Ohr, eine Hand am Hörer, eine Polizeimarke … (… und immer wieder Aufnahmen von Monitoren, Überwachungskameras, Polizeimarken, einer Hand am Hörer eines Münztelefons in den Flachbauten West Baltimores … ja, diese Bilder wiederholen sich!)

Der Untergang eines Imperiums

„Wir wollten den Untergang eines Imperiums darstellen. In einem Amerika für das wir alle bezahlt haben, nicht mehr und nicht weniger.“, so Simon.

Nachdem die erste Staffel brutal endet, eröffnet Staffel 2 das Feld zur Einsicht in die Verbrechen am Hafen Baltimores. In der dritten Staffel kommt dem Rathaus, dem seelenlosen Zentrums dieser Stadt an der US-Ostküste, die tragende Rolle zu. Intriganz, Zwielichtigkeit, Korruption, barer Zynismus werden die Hauptrollen in der Mitte dieser Show einnehmen.

In der vierten Staffel, die Stephen King als das „Inferno Dantes“ bezeichnete, werden die zum Scheitern verurteilten Existenzen an den High Schools beleuchtet. Prez, ein suspendierter Ex-Cop, der nun als Lehrer fungiert, wird als lächerliche Marionette, als Schatten seiner selbst vorgeführt, der nichts um- oder anzustoßen, nichts voranzubringen imstande ist. Auch er ist resigniert der Macht der Routine anheimgefallen. Alles gipfelt endgültig in der fünften und finalen Staffel, in welcher der Alltag der Journalisten (ein weiterer Haufen selbstgerechter Ignoranten) in den Fokus rückt.

Das von anderen Serien gewohnte Mitzittern und -leiden rückt bei The Wire vergleichsweise deutlich in den Hintergrund. Die vertrauten Stränge, die allgemein die übliche Handlung aufrecht halten, treten hier eher als lose verknüpftes Konstrukt ins Bewusstsein. Alles was wir aus den geläufigen „Sex & Crime“-Stories kennen und schätzen, zerfällt gleich zu Beginn dieser Serie, auch wenn all dies seinen Platz findet, ohne dass es uns direkt vollkommen bewusst wird. Man vermisst die raschen Auflösungen und schnellen Überführungen.

Dies ist eine griechische Tragödie auf US-amerikanischer Bühne. Keine leichte, aber eine (nach allen fünf verdauten Staffeln) sehr zu empfehlende Kost. Jede Episode dauert eine volle Stunde und kommt weitgehend ohne Cliffhanger aus.

„Es gibt Lügen, es gibt verdammte Lügen, und es gibt Polizeistatistiken.“, so die Klimax laut Creator David Simon zur guten alten (bankrott erklärten) Polizeiarbeit Baltimores. Guter Wille seitens der Ermittler bringt sich gegen eiserne Trägheit der Bürokratie in Stellung, während das Elend der Slums von West Baltimore selbst die Schattenwürfe von institutioneller Willkür und Ignoranz zu verschlingen droht. „Kriege enden irgendwann, aber der Drogenkrieg endet NIE!“, so eine weiteres bitteres Zitat und vielleicht eine der nachhallendsten Weisheiten aus dieser etwas anderen Serie, die lange nachwirkt und trotz oder gerade dank ihrer Eigensinnigkeit in Erinnerung bleiben wird.

Ein Beitrag von J. T. ;*

Titelfoto (Ausschnitt) „Baltimore“: emitea auf Pixabay


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