In der Reihe »Berühmte Persönlichkeiten mit psychischer Erkrankung« stellt das Social Media Team des AlexOffice einige betroffene Menschen vor, die in der Öffentlichkeit stehen bzw. standen. In einzelnen Beiträgen erfahrt ihr, wie die jeweiligen Persönlichkeiten selbst und wie die Gesellschaft mit dieser Art von Erkrankung umgehen.

Lest hier den Artikel zu Friedrich Hölderlin.


 

»Berühmte Persönlichkeiten mit psychischer Erkrankung«

 


 

»Wir sind‘s, wir! Wir haben unsere Lust daran, uns in die Nacht des Unbekannten, in die Fremde irgendeiner andern Welt zu stürzen und, wär es möglich, wir verließen der Sonne Gebiet und stürmten über des Irrsterns Grenzen hinaus.«
(aus „Hyperion“, Friedrich Hölderlin)

Friedrich Hölderlin – Poesie und Panik

Unsere Vorfahren wussten bereits, dass man mit den Dämonen auch gleich die Engel vertreiben kann: Bei der Behandlung des Dichters Friedrich Hölderlin spottete der Theologiestudent Gustav Schoder, dass der behandelnde Arzt mit seinen Kuren „die Poesie und die Narrheit zugleich hinausjagen“ wollte.

Hölderlin lebte von 1770 bis 1843, war einer der bedeutendsten Lyriker seiner Zeit und verbrachte weite Strecken seines Lebens in Vormundschaft. Ab dem Jahr 1807 bis zu seinem Tod lebte er bei einem Tübinger Tischler und Bewunderer seiner Dichtkunst. Seinen Zeitgenossen – und auch sich selbst – galt er seit diesem Zeitpunkt als unheilbar geisteskrank.

Von der zweifach verwitweten Mutter zum Pfarrerberuf bestimmt, widersetzte er sich ihren Anweisungen und versuchte sein Glück als Dichter – mit allen finanziellen Unwägbarkeiten, die der Beruf mit sich brachte. Daneben arbeitete er immer wieder als Hauslehrer und Erzieher. Er verliebte sich unsterblich in die verheiratete Susette Gontard, was seine seelische Lage nicht verbesserte. Heutzutage mutmaßt man, dass Hölderlin unter einer bipolaren Störung litt.

Im Studium befreundete er sich mit den späteren Philosophen Hegel und Schelling und besuchte 1794 Vorlesungen von Johann Gottlieb Fichte. Zu der Zeit lernte er die Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller kennen; sein Werk „Hyperion“ erschien in der Zeitschrift „Die Horen“ welche von Goethe und Schiller herausgegeben wurde.

Doch 1975 suchte er, mit Anzeichen von Vernachlässigung, wieder Zuflucht bei der Mutter und kehrte in seinen Heimatort Nürtingen zurück – im Irrglauben, den von ihm sehr bewunderten Schiller enttäuscht zu haben und neben ihm nicht bestehen zu können.

In den Jahren 1796 bis 1805 verlief sein Leben wechselvoll; er war in diversen Stellungen beschäftigt und schon in dieser Zeit wurde ihm eine „schwere Hypochondrie“ diagnostiziert. 1802 soll er in einem so derangierten Zustand gewesen sein, dass Freunde ihn kaum mehr erkannten. Zu diesem Zeitpunkt starb seine Geliebte Susette Gontard. Eine kurze Atempause verschaffte ihm sein Studienfreund Sinclair, der eine hohe Stellung in Hessen-Homburg bekleidete und ihn 1804 als Hofbibliothekar anstellte – einige berühmte Werke und Gedichte entstanden so.

1806 schließlich, als sich Hölderlins Geisteszustand endgültig zuspitzte, brachte man ihn mit Gewalt in das Tübinger Universitätsklinikum und „machte ihm einen bösen Kopf“, wie der eingangs erwähnte Gustav Schoder schreibt.

Über seine exakte Diagnose wurde zwischen Literaturwissenschaftlern und Psychiatern erbittert gestritten; insbesondere auch darüber, wie sein Spätwerk nach dem traumatisierenden Aufenthalt im Klinikum hinsichtlich seiner Diagnose einzuordnen sei. So bestand etwa die Frage, ob die wachsende Ich-Leugnung in seinem Werk ein Symptom seiner Krankheit oder vielmehr ein bewusstes dichterisches Stilmittel ist, das weit in unsere Zeit hineingreift.  Auch wurde früher vielfach die Frage diskutiert, ab wann sein Werk „krank“ und damit „sinnlos“ geworden war – eine heutzutage völlig unhaltbare Position.

Als „unheilbar“ entlassen, und schwer traumatisiert, kam er schließlich im später so genannten „Hölderlinturm“ bei einer Tübinger Familie unter; er nahm auch seine dichterische Arbeit wieder auf, litt aber unter Phasen von Erregung und Apathie.

Später erhielt Hölderlin oft Besuch von Fremden und Reisenden und galt geradezu als „Attraktion“; diesen Fremden gegenüber zeigte er sich besonders „verrückt“. Doch auch Schriftsteller und Dichter besuchten ihn und regten ihn zu dichterischer Tätigkeit an, wobei man ihn häufig romantisch verklärte.

Er verstarb 1843; seine Grabstätte liegt auf dem Tübinger Stadtfriedhof.

 


Hier geht es zu weiteren Artikeln aus der Reihe »Berühmte Persönlichkeiten mit psychischer Erkrankung«:

Heinrich Heine mit einem Zitat "Kranke Menschen ..." (AlexOffice)

Einleitung

Britney Spears (Reihe "Berühmte Persönlichkeiten mit psychischen Erkrankungen")

Britney Spears

 

Ein Beitragsreihe des AlexOffice Social Media Teams
– Artikel zu Friedrich Hölderlin: Cornelia Schmitz
– Headergrafik: Werner Otto von Boehlen-Schneider


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