In seinem Interview am »MEET-WOCH«, einem Social Media Projekt der Alexianer Werkstätten, erfahren wir auch in diesem Jahr Interessantes, Bedenkenswertes und Persönliches von und über Werner Otto von Boehlen-Schneider – Schriftsteller, Privatgelehrter und Kollege aus dem AlexOffice


 

Mein Interview am »MEET-WOCH« 2024

Das Interview am »MEET-WOCH« führte Viktoria Willmann
(Unternehmenskommunikation Alexianer Werkstätten / GWK).

Herr von Boehlen-Schneider, wir haben uns aufgrund meiner silbernen Kreuzkette einmal über das Christentum ausgetauscht. Wie halten Sie’s eigentlich mit der Religion?

Nun ja, zeigt mir euren Glauben ohne die Werke und ich zeige euch den meinen aufgrund der Werke (Jak. 2,18). Ich halte es zuerst für hinreichend, auf der Basis humanistischer Werte, wie wir sie bei Platon und Seneca verorten, voranzuschreiten, jeder fanatisierenden Engführung zu wehren. Das sokratische Daimonion, der wohlabgewogene Entschluss, für das Wahre selbst zu sterben, wäre ähnlich bei nichtpersonalen summi boni möglich, „das Gute trägt sich selbst“, wie ich in den Elisabethensängen formulierte. Und dennoch: mag auch unser postmoderner Kritizismus die Hände über dem Kopf ringen, jene aristotelische Idee vom unbewegt Bewegenden als Notwendigkeit, menschliches Streben zum Schönen, Ganzheitserfahrungen der Liebe, Leichtheit des Herzens in der guten Tat tragen Wesenheit des vermutet Göttlichen in das Koordinatensystem unseres freien Fragens ein; was wäre dem Unzulänglichen Goethes angemessener als personale Beziehung − wenngleich Glaube nicht einforderbares Geschenk ist.

Kulturelle Einbettung im „Messe-Spielen“ als Kind (1993 - 1994) … … und Verwobenheit mit harmonischen Weiten der Natur
Kulturelle Einbettung im „Messe-Spielen“ als Kind (1993 –1994) … … und Verwobenheit mit harmonischen Weiten der Natur

 

Sie sprechen von Ihrer Dichtung „Elisabethensänge“. Wie hat das Thema Religion Sie beeinflusst?

Wie bei Vielem ist es in der Kindheit grundgelegt; mein Großvater Joseph Otto von Boehlen (1908 – 1993) hat mir als Knaben den selten schönen Satz „Gleichwie das Alter aus der Jugend wird uns der Adel von der Tugend“ eingeprägt. Handeln sollte in Bewusstheit eigener Verantwortlichkeit geschehen, der Blick möglichst geklärt, nach bestem Vermögen gesetzt, in Gelassenheit das Unberechenbare akzeptierend. − Damit einhergehend sind mir die schönen Fronleichnams- und Patronats-Prozessionen im ländlichen Weserraum erinnerlich, Marienandachten wie Bittgänge um gute Ernten, Kreuzreliquien-Wallfahrten nach Eddessen im Mai und September, innere Getragenheit durch Überkommenes − doch auch jene leider wenig hinterfragbare Eingebettetheit meiner weit verzweigten Familie in Beverungen, Dalhausen, Borgholz, Daseburg, Peckelsheim, Rimbeck, Bonenburg etc., der traditionswurzelnder Katholizismus goldfolierter Grund des Daseins war. Sowohl mütterlicher- als auch väterlicherseits gab es Ordensberufungen, zum einen die vincentinische Großtante Schwester Maria Auda (1905 – 1993), welche wir gern am Libori-Fest in Paderborn besuchten, zum anderen die heiligmäßige Großtante Veronika von Boehlen (08.12.1904 – 23.08.1946), später Schwester Maria Gratia, welche frühvollendet als Schönstätter Missionarin und Lehrerin in Temuco, Chile, an Leukämie verstarb und deren Rosenkranz ich zur Erstkommunion erhielt.

Als Jugendlicher kam ich mit den Schriften Schopenhauers, Feuerbachs und Nietzsches in recht fruchtbaren Kontakt, las auch den damals populären Drewermann. Wir bedürfen der Auf-Bruch stiftenden Reflexion und Antipoden, um Blütenblätter der Seele pflückend Eigen-Gewordenes als tragenden Grund zu verorten. Es tat und tut eine Unterscheidung der Geister, welche Glut von Asche trennt, wohl − und so wird mir im lichten Spektrum einer multiplen Person auch das Blauviolett des hoffnungsvoll Tröstlichen, Lebenssinne akzentuierend, vorm religiösen Moment statthaft, in Eros und Agape, Lyrik und Musik zerfasernde Gegenwarten zur Unmittelbarkeit der Ruhe des Herzens einend.

Eine gewisse Korrektheit und der Hang zu geordnet Schönem … … als auch Freude, mir die Welt im Studiolo zu erschließen
Eine gewisse Korrektheit und der Hang zu geordnet Schönem … … als auch Freude, mir die Welt im Studiolo zu erschließen

 

Welche Gefahren aber auch Vorteile sehen Sie in Religionen?

Als re-ligare, rückbindend, ist sie etwas zuinnerlichst Persönliches und Individuelles, tiefes Sehnen und Suchen, fragendes Finden, fruchtbarer Wandel, ein Weg, wie ihn Hesse exemplarisch in Siddhartha erzählt. Probleme entstehen jedoch, wenn aus Zusammenschlüssen harmonischer Toleranz Ideologien und -ismen geboren werden, z.B. eine Gründergeneration stirbt, das Unnennbare in Formeln zu gießen Gebot des Tages scheint. Die blutigsten Kriege wurden um miteinander unvereinbare Gottesbilder geführt − hier ist mein Rat: zerschlagt die Bilder und lebt als Brüder, nur so nähert ihr euch wahrhaftiger Rückbindung an den Wesensgrund. Ohne polemisieren zu wollen, werden dann Entscheidungen, ob z.B. ein pädophiler Massenmörder oder durch ewige Feuerqual strafende Über-Väterfiguren überhaupt Vorbild sein können, recht schnell möglich; das Gute ist göttlich − und niemals destruktiv!

Lasst uns diesem Erfüllenden, Säenden, schrittweis näherkommen. Ansonsten soll jede:r nach seiner und ihrer Façon in Friede selig werden. Für mich selbst ist, paulinisch gesprochen, Gott in der Ordnung zu finden, durch schöpferischen Dialog der Mit-Geschöpfe, im Staunen über die mannigfache Schönheit des Seienden, welches so sanft und leise ins Sein ruft. Mir sind die Dinge der Natur, ihre Gesetzmäßigkeiten, symbolischer Zeig auf den Schöpfenden hin, erkennbares Mittel zur Ahnung des Wesens eines ganz Anderen.

Erfahrungen von Ganzheit im frühlingsholden Moment … … und gepflegte Ars moriendi aus Erkenntnis des Endlichen
Erfahrungen von Ganzheit im frühlingsholden Moment … … und gepflegte Ars moriendi aus Erkenntnis des Endlichen

 

Welche Rolle spielt das Thema Religion in Ihrem Leben, besonders unter dem Stichwort „Sinnhaftigkeit“?

Es ist dies Fragen nach dem Anderen, stammelndes Antworten, verwerfendes (Neu-)Beginnen, strebendes Bemühen auf Größeres hin, das uns zu Menschen macht, Sanftmütigkeit, Mitleiden, entschleunigtes Hineinspüren, Erfahrungen von Ganzheit im frühlingsholden Moment und gepflegte Ars moriendi aus Erkenntnis des Endlichen etc. Sub specie aeternitatis betrachten wir Kleinlichkeiten als das, was sie sind, in weiterdenkenden, tastenden Erfahrungshorizonten erkennen wir stetigen Wandel wie Unverrückbares, aus dessen Dynamik Sinnhaftigkeit entstehen kann. Eminent sind hier Schöpfungsverantwortung, Gerechtes Teilen, Charakter- und Herzensbildung. Interessanterweise bemerke ich zur nahenden Lebensmitte ein Wiederentdecken des Abgelegten auf den sich weitenden Spiralen des hermeneutischen Zirkels, erfasse − trotz aller Schwachheit − ein anthropozentrisches Christ-Sein und Mensch-Sein u.a. aus der johanneischen Christologie sowie existenzphilosophischen Quellen. Doch vielleicht rührt das auch aus vermehrter Genügsamkeit her …

Herr von Boehlen-Schneider, ich danke Ihnen für das Gespräch.

 

Schmunzelnde Toleranz gegenüber befreundeten Pastafari … … und auf einer Wallfahrt im nordfranzösischen Lisieux
Schmunzelnde Toleranz gegenüber befreundeten Pastafari … … und auf einer Wallfahrt im nordfranzösischen Lisieux

 

Ein Beitrag von Werner Otto von Boehlen-Schneider (Text und Bilder)
im Rahmen des Social Media Projekts »MEET-WOCH« 

 

Links zu Werners vorherigen Interviews:

MEET-WOCH Interview 2022
Titelgrafik von Werner Otto von Boehlen-Schneider zu seinem MEET-WOCH Interview 2022

MEET-WOCH Interview 2023
Werner Otto von Boehlen-Schneider, eigene Header-Grafik zum "Meetwoch" 2023

 


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