Bei den Alexianern feiern wir immer die bunte Vielfalt der menschlichen Natur. – Speziell für das farbenfrohe LGBTQ+ Spektrum hat nun das Social Media Team des AlexOffice die Reihe »LGBTQ+ Week« ins Leben gerufen, in der die Autor*innen an aufeinander folgenden Tagen jeweils zu einer der Facetten (L | G | B | T | Q) ihre Gedanken, Informationen und Erfahrungen zum Ausdruck bringen. Lest hier den Beitrag »B – Bisexual«


 

LGBTQ+ Week | »B – Bisexual«

 


 

Impuls zur Bisexualität

Eine gewisse emotionale Sympathie und hiermit einhergehende Nähe-Bedürfnisse zu beiden biologischen Geschlechtern oder, konsequenter formuliert, zu Menschen, mit denen wir ähnliche Schwingungsfähigkeiten, Interessen, Anschauungs-Modelle teilen, haben wohl viele von uns erlebt. Wir können sie auch als „Freundesliebe“ bezeichnen, mit Cicero „ein anderes Ich, zwei Seelen in einer“ oder „Übereinstimmung in allen göttlichen und menschlichen Dingen, vereint mit Wohlwollen und Zuneigung“ nennen.

Aufgrund dessen mit dem Terminus der „Bisexuellen Lesbarkeit“ einer dialogischen Beziehung zu operieren, erscheint mir gelegentlich sinnvoll – ist der Wunsch nach Hingeordnetheit aufeinander, die kurzweilige, anlassunabhängige Freude miteinander im eher zweckfreien Beieinander, Lernen voneinander, wachsen und reifen durcheinander, Entdecker-Neugier aneinander nicht schon Ausdruck eines weiter gefassten Verständnisses des zwischenmenschlichen Liebes-Spieles, beglückendes Zueinander, und des „sexus“?

Der Korangelehrte Ibn al-Dschauzī stellte im 12. Jahrhundert eine bedenkenswerte Hypothese auf: „Derjenige, der behauptet, dass er keine Begierde empfindet [wenn er schöne Knaben erblickt], ist ein Lügner, und wenn wir ihm glauben könnten, wäre er ein Tier, nicht ein menschliches Wesen.“(1) Wäre der Reiz am Schönen also eher universell? Wenn ich mit Freunden und Freundinnen darüber spreche, habe ich gelegentlich Nervosität, „es kann nicht sein, was nicht sein darf“, beim Gegenüber festgestellt – das vermeintlich nicht Statthafte grenzt Gefühlsleben ein und führt mitunter zu Ängsten, Kompensationsbemühungen, Depressionen.

Siegmund Freud konstatierte 1915 in den Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie: „Der Psychoanalyse erscheint […] die Unabhängigkeit der Objektwahl vom Geschlecht des Objektes, die gleich freie Verfügung über männliche und weibliche Objekte, wie sie im Kindesalter, in primitiven Zuständen und frühhistorischen Zeiten zu beobachten ist, als das Ursprüngliche, aus dem sich durch Einschränkung nach der einen oder der anderen Seite der normale [d. h. heterosexuelle] wie der Inversionstypus [d. h. der homosexuelle] entwickeln. Im Sinne der Psychoanalyse ist also auch das ausschließliche sexuelle Interesse des Mannes für das Weib ein der Aufklärung bedürftiges Problem und keine Selbstverständlichkeit […]“(2)

Die Freude am menschlichen Du, eine emotionale Zuneigung, der Wunsch nach körperlicher Nähe, Geborgenheit, des Sich-Mitteilens und Erkennens wird hier als etwas ganz Natürliches kategorisiert, welches sich erst später, im Hinblick aufs Fortpflanzungs- und Erziehungs-Bestreben der Gruppe, aus sozialen Erwägungen also, verlagert. Wo diese nicht zwingend gegeben sind, kann bzw. sollte unbedingt (Gedanken-)Freiheit gefordert und gewährt werden.

Während des vierten vorchristlichen Jahrhunderts existierte im Thebanischen Heer die Elitetruppe der hieros lochos, aus 150 männlichen Liebespaaren bestehend(3), welche den Gedanken der Hingeordnetheit zueinander ins Extrem führte: es erschien diesen mit einem antiken Tugendbegriff Sozialisierten besser, mutig und ehrenhaft kämpfend zu sterben, als durch Feigheit vor dem Feind in den Augen des Geliebten gering erachtet zu werden – hier verbanden sich „verdienstvolles Streben“ und Liebe, fernab der in späteren, „christlichen“ Jahrhunderten mit dem Ausschließlichkeitsgrundsatz heterosexuellen Gefallens aneinander postulierten Engführung der menschlichen Emotion.

Lasst uns diese exklusivistische, historische Gewordenheit aufbrechen und voller Hingabe und Aufrichtigkeit jene lieben, welche unseres Herzens wert sind!

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Ein Beitrag von Werner Otto von Boehlen-Schneider (Text und Bilder)

Quellen:
(1) Wikipedia: „Bisexualität

(2) Siegmund Freud (1915): „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ (PDF auf www.psychanalyse.lu)
(3) Michael Louis (2022) auf www.queer.de: „Die Armee der 150 schwulen Liebespaare“ 


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