Bei den Alexianern feiern wir immer die bunte Vielfalt der menschlichen Natur. – Speziell für das farbenfrohe LGBTQ+ Spektrum hat nun das Social Media Team des AlexOffice die Reihe »LGBTQ+ Week« ins Leben gerufen, in der die Autor*innen an aufeinander folgenden Tagen jeweils zu einer der Facetten (L | G | B | T | Q) ihre Gedanken, Informationen und Erfahrungen zum Ausdruck bringen. Lest hier den Beitrag »Q – Queer«


 

LGBTQ+ Week | »Q – Queer«

 


 

Zwischen den Geschlechtern

Warum Nichtbinarität so schwer zu greifen ist

Vor etwa zwei Wochen erreichte Nemo den ersten Platz beim Eurovision Song Contest (ESC) – und ist damit die erste bekannte nicht-binäre Person, die den Wettbewerb gewonnen hat. Der diesjährige ESC ist ein großer Schritt in Richtung Sichtbarkeit von nicht-binären Lebensrealitäten – und sorgte gleichzeitig für viel Aufregung. Warum? Nichtbinarität ist für viele Menschen schwer zu greifen.

Was ist Geschlechtsbinarität?

Viele von uns haben schon früh gelernt, dass es zwei Geschlechter gibt: Mann und Frau. Und noch ein paar sind damit groß geworden, dass diesen klare Merkmale und Unterschiede anhaften. Hierfür gibt es einen Begriff: Binarität.

Geschlechtsbinarität bringt viel Sicherheit mit. Wir wissen, wie wir uns verhalten sollen und können andere Menschen anhand bestimmter Merkmale einordnen oder einschätzen. Doch bestimmt kennt jede Person mindestens eine Situation, in der diese zugeschriebenen Merkmale nicht passen: Als Mann einen Ballettkurs belegen, als Frau kinderlos glücklich sein oder ganz einfach: Kleider oder kurze Haare tragen.

Zwei Personen sitzen nebeneinander. Sie tragen Make Up und halten Pflanzen in den Händen. [1]

Warum denken wir in zwei Geschlechtern?

Schon im Kleinkindalter wird eine Einteilung in zwei Geschlechter vorgenommen. Viele Kinder fühlen sich mit gleichgeschlechtlichen Spielpartner*innen wohler. Das kommt nicht zwangsläufig von innen, denn die Einteilung in „Jungen“ und „Mädchen“ geht schon bei Neugeborenen vonstatten. So wird ein tieferes Schreien eher Jungen zugeordnet und ein höheres eher Mädchen – obwohl keine nachweislichen Unterschiede existieren [2]. Viele Verhaltensweisen von Eltern gegenüber ihren Kindern geschehen unbewusst: Etwa geschlechtsstereotype Bemerkungen beim Vorlesen oder Spielen. Auch reagieren einige Familienmitglieder eher zurückhaltend darauf, wenn ihre Kinder geschlechtsuntypische Verhaltensweisen zeigen. So lernen sie schon im früh, welches Verhalten welchem Geschlecht zugeordnet wird und passen sich an. Bewusste oder unbewusste Reaktionen und Bemerkungen passieren in jeder Lebensphase und wir verinnerlichen sie. Das Denken in zwei Geschlechter hängt also mit unserer Sozialisation zusammen.

Doch nicht für alle Menschen passen diese erlernten Rollen und die binären Geschlechter. Auch viele cisgeschlechtlichen Menschen, also Menschen, die sich mit ihrem zugewiesenen Geschlecht identifizieren können, leiden unter diesen Einteilungen. Die Frage, ob wir eine „richtige Frau“ oder ein „richtiger Mann“ sind, beschäftigt die meisten Menschen spätestens im Jugendalter. Das ist keine neue Erkenntnis: Der Diskurs wurde spätestens durch Philosoph*in Judith Butler bekannt. In dessen Texten wird die „Naturgegebenheit“ der Binarität, also der beiden Geschlechter „Mann“ und „Frau“, hinterfragt. Die These: Binarität ist kulturell entstanden, also menschengemacht.

Eine Person trägt eine Maske aus Blattgold und schwarzer und orangener Farbe. [3]

Um diese These zu verstehen, müssen wir uns ein paar Geschichtsfetzen anschauen.

In Afrika, Asien, Süd- bis Nordamerika und auch in Teilen Europas gibt und gab es schon immer Gesellschaften mit mehr als zwei Geschlechtern. Bei vielen indigenen Stämmen Nordamerikas gibt es drei bis fünf Geschlechterrollen [4]. Trans* Menschen werden zum Beispiel schon im Kamasutra erwähnt, welches zwischen 200 und 300 n. Christus geschrieben wurde. Nach der Forschung von Ethnolog*in Carla LaGata wurden gerade durch die Kolonialisierung und der Verbreitung des Christentums viele solcher kulturellen Vielfalten aufgegeben oder unterdrückt [5]. Doch auch in der westlichen Kultur gibt es Beispiele, teils religiöse: In der Antike wurde Nicht-Binarität als seelisches Geschlecht gesehen, das vom körperlichen Geschlecht abwich. Sogar in den Sagen des Altertums lassen sich Beispiele dafür finden [6].

1919 eröffnete der Sexualreformer Magnus Hirschfeld das erste Institut für Sexualwissenschaften. Hier wurde zum Thema Sexualität und geschlechtliche Identität geforscht und beraten. Das Institut sowie sämtliche wissenschaftliche Erkenntnisse wurden 1933 von den Nationalsozialisten zerstört [7].  Die Zweigeschlechterordnung ist also ein Modell, das in den letzten 500 Jahren verbreitet und festgeschrieben wurde.

Das Problem am binären Geschlechtsmodell

Sprechen wir heute von Menschen, die nicht in das binäre Geschlechtsmodell passen, ist häufig von „Minderheiten“ oder „Randgruppen“ die Rede. Doch wer sind diese Minderheiten? Und sind es wirklich so wenige?

Nicht-binäre Menschen ordnen ihre geschlechtliche Identität, also ihre Gender-Identität, nicht als männlich oder weiblich ein. Einfach ausgedrückt: irgendwo dazwischen. Um sich das besser vorzustellen: Nicht-Binarität fällt unter das trans*-Spektrum. Menschen sind trans*, wenn sie sich nicht mit dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren können. In einigen Fällen sprechen auch körperliche Gegebenheiten dagegen, dann sind sie intergeschlechtlich.

GENDER IS A SPECTRUM“ als aneinandergelegte Buchstaben.

Geschlechtliche Identität ist ein Spektrum. [8]

Wie viele Menschen betrifft das nun? Nach der Ipsos Pride Studie aus 2023 identifizieren sich elf Prozent der Menschen in Deutschland als queer, also der LGBTQ+ Community angehörig. Das sind hochgerechnet mehr als 9 Millionen Menschen. Bei der Gen Z, also Menschen, die 1997 oder später geboren wurden, ordnet sich sogar mehr als jede fünfte Person dem queeren Spektrum zu [9].

Durch unser binäres System ist es für diese Menschen sehr schwer, herauszufinden, wer sie wirklich sind. Trans*, inter* oder nicht-binäre Menschen erleben häufig Diskriminierung. Diese muss nicht unbedingt bewusst ausgeübt werden. So ist etwa unser Gesundheitssystem auf Mann und Frau ausgelegt und es herrscht noch immer sehr viel Unwissen in der geschlechtersensiblen Medizin. In den Gesundheitswissenschaften wurden Frauen historisch vernachlässigt und trans*,inter* und nicht-binäre Menschen weitestgehend ignoriert. Diese Lücke in der Forschung nennt sich „Gender Data Gap“ [10], also Geschlechter-Datenlücke. Geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Datenerhebung können fatale Folgen für die Betroffenen haben.

Auch gesellschaftlich bestehen viele Barrieren, die durch die Sozialisation und die geschlechtsspezifischen Zuschreibungen entstehen. Sie halten viele Menschen davon ab, sich selbst mit ihrer Identität auseinanderzusetzen oder sie überhaupt zu erkennen. Häufig erfahren sie Ablehnung oder sogar Queerfeindlichkeit und Gewalt [11].

Das binäre Geschlechtsmodell öffnen

Wenige Themen sind gesellschaftlich so hitzig diskutiert wie die Geschlechtszugehörigkeit. Mit steigender Sensibilisierung auf der einen Seite, steigt auch die Ablehnung auf der anderen. Vor dem geschichtlichen Hintergrund ist das nicht verwunderlich. Berichten wir Menschen, dass ihre Vorstellung der Realität auf einem Weltbild beruht, dass nicht so universell ist, wie zunächst angenommen, kann das Verunsicherung auslösen. Für Menschen, für die Geschlechtsbinarität zu kurz greift, bedeutet das wiederum Erleichterung und Selbstbestimmung.

Viele Menschen bei einer Demonstration. Eine Person hält ein Schild, auf dem „BLACK TRANS LIVES MATTER“ steht.

Schwarze Trans Leben zählen [12]

Seit 2018 können trans*, intergeschlechtliche und nicht-binäre Menschen ihr Geschlecht durch die „Dritte Option“ im Personenstandsregister eintragen. Neben „männlich“ und „weiblich“ kann „divers“ oder „ohne“ angegeben werden. Ein großer Fortschritt ist auch das Selbstbestimmungsgesetz, welches Barrieren bei der Änderung des Personenstandseintrages abbaut. Es wurde am 12. April 2024 beschlossen und tritt zum 01. November 2024 in Kraft. Mit dem neuen Gesetz können betroffene Menschen zukünftig ihren Namen und ihren Geschlechtseintrag mit einer Erklärung beim Standesamt ändern lassen. Es löst das sogenannte Transsexuellengesetz (TSG) ab, nach welchem zwei psychiatrische Gutachten vor Gericht vorgelegt werden müssen [13]. Das Verfahren kostet durchschnittlich 2000€, ist langwierig und für viele Menschen und psychisch belastend.

Mit zunehmendem Wissen über die Vielfalt der Geschlechter wird unser binäres Denken geöffnet – und führt zu mehr Sichtbarkeit unterschiedlicher Lebensrealitäten. Das ist nicht nur für trans*, intergeschlechtliche und nicht-binären Menschen wichtig: Für cisgeschlechtliche Menschen ist das binäre Geschlechtsmodell ebenso einschränkend. Auch für sie können zugeschriebene Merkmale oder Rollen eine Belastung und auch Benachteiligung sein. Ohne diese vorgefertigten Lebensmodelle können sich viele Menschen freier entfalten.

Ein Beitrag von Levi Kersting

Quellen:

[1] Foto von RDNE Stock project: Zwei Personen sitzen nebeneinander. Sie tragen Make Up und halten Pflanzen in den Händen.

[2] Emily R. Mondschein | Karen E. Adolph | Catherine S. Tamis-LeMonda (2000): „Gender Bias in Mothers‘ Expectations about Infant Crawling

[3] Foto von Ronê Ferreira: Eine Person trägt eine Maske aus Blattgold und schwarzer und orangener Farbe.

[4] Lydia Meyer (2023): „Die Zukunft ist nicht binär“

[5] Carla LaGata | Carsten Balzer PhD (2018): „Kulturelle Alternativen zur Zweigeschlechterordnung – Vielfalt statt Universalismus“ (bpb)

[6] Dagmar Pauli (2023): „Die anderen Geschlechter“

[7] Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. (o. J.): „Institut für Sexualwissenschaft

[8] Foto von Laker: „GENDER IS A SPECTRUM“ (Geschlechtliche Identität ist ein Spektrum) als aneinandergelegte Buchstaben

[9] LSVD (2023): „Ipsos Pride Studie 2023

[10] Friedrich Ebert Stiftung (2022): „Gender Data Gap

[11] Antidiskriminierungsstelle des Bundes (2024): „Was sind Probleme für trans* Personen in Deutschland und welche Diskriminierung erleben sie?“ (FAQ trans*)

[12] Foto von Jeff Sof: Viele Menschen bei einer Demonstration. Eine Person hält ein Schild, auf dem „BLACK TRANS LIVES MATTER“ (Schwarze Trans Leben zählen) steht.

[13] Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2024): „Gesetz über die Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag (SBGG)

Titelbild: Werner Otto von Boehlen-Schneider


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